Die Premium-Fahrt

Es hätte alles so einfach sein können - Geschrieben von Hendrik

19. Oktober 2012, 19:38 Uhr: Es ist dunkel. Wir sitzen nebeneinander im Bus der Linie eurolines auf dem Weg zurück nach Deutschland. Um 17 Uhr sind wir in Barcelona abgefahren und morgen um 13 Uhr werden wir hoffentlich in Frankfurt sein, um von dort irgendwie zurück nach Bielefeld zu gelangen. "Wir", das sind Miguel und ich, Hendrik. In der einen Woche, die wir dieses Jahr Urlaub bekommen haben (wir sind ja beide noch in der Probezeit unserer Ausbildungen), wollten wir eine ganz besondere Fahrt unternehmen: Eine Tramptour. Von Bielefeld aus sollte es möglichst weit und möglichst abenteuerlich gehen, also wählten wir Barcelona als Fahrtenziel, weil es mit 1700 km Entfernung unserer Meinung nach erreichbar war und Miguel dort Verwandtschaft hat, die er seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hat.
Von Bielefeld aus buchten wir Bustickets für den Rückweg. Diese Tickets konnten wir nicht zurückgeben, deshalb mussten wir unbedingt am Freitag um 17 Uhr in Barcelona sein. Kein Problem, dachten wir uns. Eine Woche ist genug Zeit?


Tag 1: Samstag, an dem wir ein Zelt hätten aufbauen sollen
1700km bis Barcelona, 149 Stunden bis der Bus fährt. 0% des Weges, 0% der Zeit.

Gesagt getan, um 12:05 Uhr liefen wir mit gepackten Affen von meinem zu Hause zur Detmolder Straße. Während wir in Richtung A2 liefen, hielten wir den Daumen raus. Ein Schild mit der Aufschrift "FRANKFURT" hatten wir auch gebastelt, denn so gerne wir von Anfang an ein "BARCELONA"-Schild hochgehalten hätten, so gering erachteten wir unsere Chance mit einem solchen Schild von der Detmolder Straße wegzukommen. Kaum 4 Minuten nachdem wir losgelaufen waren, etwa auf Höhe der Teutoburger Straße, hielt ein älterer Herr in einem recht alten, roten Golf Kombi an. Er wollte eigentlich nach Augustdorf, war aber bereit für uns auf die Autobahn zu fahren und uns an der ersten Raststätte abzusetzen, die sich allerdings als ziemlich klein erwies.
Sehr schnell wurde deutlich, dass Miggl und ich unterschiedliche Herangehensweisen an das Trampen hatten. Während ich mich mit meinem Pappschild an die Ausfahrt stellen wollte, wollte er Leute auf dem Rastplatz ansprechen. Dies wurde ziemlich schnell zu einer Routine, die wir auf den meisten Rastplätzen durchgezogen haben. Meist war es jedoch Miggl, der Erfolg hatte.
Nachdem wir bei einem älteren Ehepaar, einem Flüchtlingsarbeiter, einem Belgier und einer Tagesmutter mitgefahren waren (die ersten drei gingen alle auf Miggl's Konto), waren wir bis zu einem Rasthof bei Pfungstadt gekommen und hatten immer nur zwischen 10 Minuten und anderthalb Stunden warten müssen. Hier wollten wir die Nacht verbringen, da es langsam dunkel wurde und der Rasthof direkt an ein Waldstück grenzte und nicht umzäunt war. Wir liefen ein Stück in den Wald hinein und kochten unsere Fertignudeln. Als wir mit Essen fertig waren, war es bereits 8 Uhr und vollständig dunkel. Nach einem kurzen Blick in den Himmel entschieden wir, dass wir keine Lok brauchen würden und legten uns einfach unter die Planen. Das war ein Fehler.
Keine zwei Stunden später fing es an zu regnen. Erst nur ein wenig, so dass durch die Blätter kaum etwas auf uns heruntertropfte, doch bald immer stärker und uns wurde unter den Kothenplanen zunehmend unwohl. Als irgendwann Wasser von der Seite auf Miggl?s Isomatte lief und sich dort in einer großen Pfütze sammelte, entschlossen wir uns zur Flucht in die durchgängig geöffnete Raststätte. Wir deckten unsere Sachen notdürftig ab, schnappten uns Brotbeutel und Jujas und liefen zurück zur Raststätte. Als der Regen nachgelassen hatte, holten wir unsere Sachen. Einiges war nur ein bisschen feucht, anderes komplett durchnässt. Die Frau, die in der Raststätte ihre Spätschicht schob, hatte Mitleid mit uns und bot an, einen Wäscheständer aus dem Keller zu holen und uns im hinteren Essensraum bis 6 Uhr schlafen zu lassen. Dieses Angebot nahmen wir gerne an. 



Tag 2: Sonntag, an dem es uns nach Tübingen verschlagen hat
1300km bis Barcelona, 131 Stunden bis der Bus fährt. 24% des Weges, 12% der Zeit.

Nach ein paar Stunden Schlaf trockneten wir die Kothenplanen und Ponchos notdürftig in der aufgehenden Sonne. Gegen Mittag juckte es uns endlich weiter zu kommen, also stellte ich mich wieder an die Ausfahrt und zeigte den Daumen den Leuten, die von der Tankstelle kamen und Miggl sprach Leute an, die aus der Raststätte wieder zu ihren Autos liefen. Über eine Stunde lang passierte nichts, die Raststätte war eher klein und um diese Zeit kamen nicht besonders viele Autos durch. Um kurz nach eins hielt ein junger Mann im Audi seines Vaters und sagte auf meine Frage hin, dass er nach Tübingen fährt. ?Tübingen? Da kennen wir jemanden!?, antwortete ich und so haben wir Aimée besucht. 

Von Aimée bekocht und gestärkt wollten wir nachmittags nach Westen zur A81, um von dort unsere Reise nach Süden weiterzuführen. Aus Tübingen herauszukommen stellte sich als erstaunlich schwierig heraus und der Schlafmangel der letzten Nacht machte es nicht gerade einfacher. Irgendwann hielt ein älterer Herr, der uns bis zur Autobahnauffahrt brachte. Obwohl wir dort eine gute Stelle zum Trampen fanden, mussten wir bald feststellen, dass an dieser Stelle praktisch keiner in südlicher Richtung auf die Autobahn fuhr. Als es allmählich dunkel wurde, verließ uns auch die Motivation und wir suchten einen Zeltplatz. In allen Richtungen gab es jedoch nur offene Felder. Letztendlich bauten wir zwischen ein paar Obstbäumen unsere Lok auf (wir wollten keine Wiederholung der letzten Nacht) und hofften, dass uns bis zum Morgen keiner sieht.



Tag 3: Montag, an dem wir plötzlich in der Schweiz waren
1220km bis Barcelona, 105 Stunden bis der Bus fährt. 28% des Weges, 30% der Zeit.

Am nächsten Morgen versuchten wir wieder an der gleichen Stelle auf die Autobahn zu kommen, wie am vorherigen Abend. Doch wie zuvor hielten nur Leute, die entweder in nördlicher Richtung auf die A81 oder über die Landstraße weiter nach Herrenberg wollten. Aus Verzweiflung entschieden wir irgendwann über die Landstraße weiter nach Westen zu reisen, um unser Glück an der A5 zu versuchen. Es folgte eine Odyssee, in der wir von vier verschiedenen Leuten zuerst nach Herrenberg, dann nach Freudenstadt und dann nach Bad Peterstal mitgenommen wurden. Es war bitterkalt (?8°C) und zwischendurch regnete es immer wieder. Manche Leute sagen, dass man bei schlechtem Wetter schlechter mitgenommen wird, aber ich glaube die Autofahrer hatten einfach Mitleid mit uns beiden, wie wir so schlotternd am Straßenrand standen. 
In Bad Peterstal war absolut tote Hose, deshalb stiegen wir in den Bus, der nach einer halben Stunde kam und fuhren bis nach Offenburg. Dort verbrachten wir einige Stunden damit am Autobahnzubringer hin- und herzutigern, aber es wollte uns einfach niemand mitnehmen. Letztendlich sind wir wieder den ganzen Weg zurück zum Busbahnhof gelaufen und sind von dort nach Urloffen gefahren. Direkt neben dem Dorf hat die A5 nämlich eine Raststätte. Bei Sonnenuntergang kamen wir an und es dauerte nur ein paar Minuten, da konnten wir auch schon einen schweizerischen Geschäftsmann überreden uns mitzunehmen. Einen Großteil des Weges haben wir zu dritt darüber diskutiert, ob er uns bei Mulhouse auf einer Raststätte rauslassen, so dass wir über Dijon und Lyon weiterreisen können, oder uns mit nach Basel nehmen soll, von wo aus wir versucht hätten über Bern und Lausanne weiterzukommen. Wir entschieden uns für Mulhouse, haben dann allerdings die Raststätte verpasst und waren so auf einmal in Basel. Wir stiegen bei einer sehr großen Raststätte, die die Autobahn überspannte, aus und wollten von dort wieder zurück nach Mulhouse. Nachdem wir für eine ganze Weile kein Glück hatten, hat uns eine Angestellte der Raststätte angesprochen und angeboten uns um 23 Uhr, wenn ihre Schicht zu Ende war, mit nach Mulhouse zu nehmen. Da wir bis dahin immer noch keine Mitfahrgelegenheit gefunden hatten, nahmen wir ihr Angebot an. Sie sagte, es gäbe neben der Autobahnauffahrt ein McDonald?s, an dem viele Leute anhalten, bevor sie auf die Autobahn fahren. Mitten in der Nacht kamen wir in Mulhouse an, bzw. im Industriegebiet Sausheim daneben. Wir liefen ein Stück heraus und legten uns dann in ein Feld nahe der Autobahn. Da wir nichts sehen konnten und der Himmel wolkenfrei war, bauten wir erneut kein Zelt auf.



Tag 4: Dienstag, an dem wir so weit gekommen sind wie die Katze am Wegesrand
1020km bis Barcelona, 81 Stunden bis der Bus fährt. 40% des Weges, 46% der Zeit.


Geregnet hat es in der Nacht zwar nicht, dafür war aber einiges an Tau heruntergekommen. Als wir um halb 8 aufstanden hatten wir eine Eisschicht auf den Kothenplanen und unsere Schlafsäcke waren ziemlich nass. Wir hatten keine Wahl als sie so, wie sie waren, einzupacken, denn wir standen bereits etwas unter Zeitdruck. An dem McDonald?s herrschte ziemlich tote Hose, deshalb stellten wir uns direkt an den Zubringer. Es war immer noch rattenkalt und wir wechselten uns ab den Daumen rauszuhalten. In der Stunde, die wir dort verbrachten, hielten zwei Leute, die natürlich nur Französisch sprachen. Mit Hilfe der Karte konnten wir uns dann einigermaßen verständigen, aber beide fuhren nicht in unsere Richtung.
Wir bewegten uns Richtung Stadt, aber wo wir auch standen, niemand hielt an. Wir liefen hin und her, bis zur nächsten Auffahrt und die Hälfte wieder zurück, weil es da noch schlechter war. Irgendwann sind wir zu einer Shell-Tankstelle direkt an der Auffahrt gegangen, wo viele LKWs tankten, doch weder an der Tankstelle noch an der Auffahrt hatten wir Glück. Die tote Katze am Wegesrand war zu diesem Zeitpunkt eine recht gute Metapher für unsere Stimmung.
Am frühen Nachmittag entschieden wir uns in die Innenstadt von Mulhouse zu laufen, um uns am Bahnhof über Ticketpreise in die nächste größere Stadt zu erkundigen. Der Weg nahm dreieinhalb Stunden in Anspruch, aber wenigstens konnten wir zwischendurch bei einer Pause auf einer Wiese unsere Klamotten trocknen, es war nämlich erstaunlich warm geworden. Wie wir so durch Mulhouse liefen quatschte uns ein Mann spanischen Hintergrundes an, für Miggl die erste Chance seine bemerkenswerten Spanischkenntnisse zum Einsatz zu bringen. Nach einem kurzen Gespräch stellte sich heraus, dass der Mann einen guten Freund hatte, der am nächsten Morgen um 10 Uhr mit seinem LKW nach Barcelona fuhr und wohl auch Platz für zwei Mitfahrer hatte. Abfahrtsort: Die uns bereits bekannte Shell-Tankstelle. Wir trauten unseren Ohren nicht. Sollten wir etwa doch noch die Chance haben es bis nach Barcelona zu schaffen? Natürlich war uns bewusst, dass wir, sollten wir nun den Rest des Tages in Mulhouse verweilen und nicht weitertrampen, ein ziemliches Problem haben würden, sollten wir den Herrn nicht ausfindig machen können. Doch wir waren bereit dieses Risiko einzugehen, zumal ja an diesem Tag auch Bergfest war und wir eine Pause, und vor allem eine Dusche, gut gebrauchen konnten.
Also verbrachten wir den Rest des Tages in Mulhouse, gingen ins Schwimmbad, schauten uns die Stadt an und gingen abends essen. Nach langem Suchen fanden wir ein Restaurant, das unserem Geschmack und unserem Geldbeutel entsprach. Als wir gerade am Essen waren fiel plötzlich mit einem lauten ?BONK? eine winzige, und überaus süße, Maus von der Decke auf unseren Tisch, rappelte sich auf, sprang vom Tisch auf den nächsten Stuhl und verschwand unter den Tischen. Miggl und ich waren so perplex, dass wir erst mal einen völlig sprachlos waren. Die Bedienung, die für französische Verhältnisse gutes Englisch sprach, machte ein ebenso schockiertes wie ungläubiges Gesicht (Miggl und ich waren ja die einzigen, die die Maus überhaupt gesehen hatten). Einige Zeit später lief die Maus gemächlich quer über den Fußboden und verschwand unter dem Getränkekühlschrank, wieder sah es niemand außer uns. Dafür sprang für uns eine Extraportion Kartoffeln heraus. Als wir gingen erkundigte sich der Chef(?), ob wir die Maus gefangen hätten, ein unterhaltsamer Abend.
Da der LKW-Fahrer um 22 Uhr bei der Shell-Tankstelle, bzw. dem dahinter liegenden LKW-Parkplatz ankommen sollte, wollten wir den Bus dorthin zurück nehmen, mussten aber feststellen, dass der letzte Bus des Tages 10 Minuten zuvor gefahren war (es war 20:30 Uhr). Also marschierten wir durch leichten Nieselregen im Dunklen den gesamten Weg zurück, den wir zuvor gekommen waren. Um kurz vor 10 kamen wir bei der Tankstelle an und der Parkplatz war bereits fast voll. Also suchten wir inmitten von fast 200 LKWs den einen, den man uns beschrieben hatte, ohne Erfolg. Wir warteten noch eine Weile an der Tankstelle, zum Unmut der Dame mittleren Alters, die in einer Warnweste die LKW-Fahrer herumkommandierte. Sie sprach nur französisch und nachdem wir einige Zeit vergeblich versucht hatten ihr klar zu machen, dass wir auf einen bestimmten LKW warten, sagte ich ?30 Minuten?, denn ich wusste, dass dies auf Französisch ähnlich klingt. Sie gab sich damit auch zufrieden und wollte gerade gehen, als sie die Knappennadel an Miggls Halstuch bemerkte und sich plötzlich tierisch über uns zu freuen schien. Ein ähnliches Phänomen hatten wir schon bei anderen Franzosen beobachtet, die Lilie scheint auch heute noch eine ziemliche Bedeutung in Frankreich zu haben.
Gegen halb elf liefen wir noch einmal zwischen den LKWs hin und her in einem letzten verzweifelten Versuch den richtigen zu finden und sprachen auch die Fahrer, die ein spanisches Kennzeichen hatten und noch wach waren, an, aber niemand hatte Platz für zwei. Wir legten uns dann, völlig fertig, auf eine Art Verkehrsinsel am Rand des Parkplatzes, wo wir unter zwei Bäumen unsere Lok hochziehen konnten. Die LKW-Fahrer schauten zwar etwas verwundert, ließen uns aber in Ruhe. Alle Fahrer, mit denen wir gesprochen hatten, waren sehr nett gewesen und deshalb hatten wir keine Bedenken.



Tag 5: Mittwoch, an dem wir richtig gerissen haben
1020km bis Barcelona, 57 Stunden bis der Bus fährt. 40% des Weges, 62% der Zeit.


Unsere Stimmung am Morgen des 5. Tages war schlecht. Wir waren ein Risiko eingegangen und es hatte uns fast 24 Stunden gekostet. In 57 Stunden würde unser Bus in Barcelona abfahren und wir hatten noch über 1000km vor uns. Bis 10 Uhr versuchten wir noch einen LKW-Fahrer zu finden, dann gingen wir zu einem Supermarkt, in dem wir am Vortag schon nach Kartenmaterial gesucht hatten, und versorgten uns mit einem Baguette fürs Frühstück. Dabei machten wir eine Krisensitzung und überlegten, wie wir vorgehen sollten. Wir sahen keine Möglichkeit vor Ort auf die Autobahn zu kommen, da wir es an der Auffahrt ja am Tag zuvor bereits für Stunden versucht hatten und wir im Einkaufszentrum niemanden finden konnten, der genug Englisch sprach, um uns den Weg zur nächsten Raststätte zu beschreiben. Wir überlegten sogar wieder in Richtung Deutschland zu trampen, da wir unsere Chance den Bus noch zu kriegen als sehr gering einschätzten und wir daher wahrscheinlich nicht um den Kauf eines Zugtickets für die Rückfahrt herumkommen würden. Doch diese Überlegung schlugen wir schnell in den Wind, denn wenn wir es schon nicht nach Barcelona schaffen sollten, wollten wir wenigstens so weit wie nur irgendwie möglich kommen. Also fuhren wir mit dem Bus wieder ins Zentrum von Mulhouse und kauften uns dort Zugtickets ins 130km entfernte Besançon. Wir glaubten, dort wäre es einfacher auf die Autobahn nach Lyon zu gelangen, doch es kam anders.
1000km bis Barcelona, 51 Stunden bis der Bus fährt. 41% des Weges, 66% der Zeit.
Im Zug lernten wir einen jungen französischen Lehrer kennen, mit dem man sich einigermaßen auf Englisch unterhalten konnte. Er bot an uns bis zu seinem Wohnort mitzunehmen, denn seiner Meinung nach wäre es einfacher über die Landstraße nach Lyon zu gelangen. Von Besançon würden zwar die wenigsten Autos nach Lyon fahren, dafür aber nach Lons-le-Saunier, von wo wiederum viele nach Lyon fahren. Also fuhren wir bei ihm mit. Er ließ uns an einer deprimierend kleinen Tankstelle raus, die aber an einer rege befahrenen Straße lag und so dauerte es auch zum Glück nicht lange, bis eine Frau auf mein Schild LONS-LE-SAUNIER reagierte und anhielt (unser erster erfolgreicher Autostopp in Frankreich). Sie sprach ein paar Sätze Englisch, ich glaube, sie war Kommunalpolitikerin oder so etwas in der Richtung. Sie ist für uns einen kleinen Umweg gefahren und hat uns dann, statt nach Lons-le-Saunier, von hinten an die riesige Autobahnraststätte Aire du Jura an der A39 gebracht. 780km bis Barcelona, 46 Stunden bis der Bus fährt. 54% des Weges, 69% der Zeit.

Die Raststätte war Miggl gut bekannt, wenn er mit seiner Familie nach Barcelona fährt, halten sie immer dort. Es war nun bereits 19 Uhr, entsprechend leer war die Raststätte. Wir setzten uns vor den Eingang des Tankstellenshops und sprachen Leute auf dem Weg zurück zu ihren Autos an, zweieinhalb Stunden lang. Es war bereits seit einiger Zeit dunkel und wir beobachteten einen jungen Mann, wie er seinen alten Mercedes Sprinter bearbeitete. Er hatte die Motorhaube offen und versuchte scheinbar seinen Motor dazu zu bringen wieder flüssig zu laufen. Miggl und ich hatten uns bereits abgesprochen ihn anzusprechen, sobald er fertig war, aber er war schneller. Er fragte uns nach einer Zigarette und als Miggl feststellte, dass der Mann fließend Spanisch sprach (er hatte 10 Jahre dort gelebt), fragte er ihn nach einer Mitfahrgelegenheit. Ich habe natürlich das wenigste verstanden, aber scheinbar wartete der Mann auf einen Anruf, der ihm mitteilten sollte, ob er an diesem Abend nach Paris (400km nordwestlich) oder nach Nîmes (400km südlich) fährt. Letzteres wäre natürlich extrem praktisch für uns gewesen und deshalb warteten wir mit ihm auf den Anruf. Nach einer Weile wurde es dem Typen zu doof und er sagte er würde jetzt einfach nach Nîmes fahren. Das war um 21:30 Uhr, gegen 2 Uhr sollten wir da sein.
Im Auto jedoch änderte sich der Plan mehrfach. Wir wissen bis heute nicht genau was los war; jedenfalls wollte der Typ plötzlich doch nicht mehr nach Nîmes und hatte vor uns auf einer Raststätte noch vor Lyon rauszulassen. Als Miggl ihm klargemacht hatte, dass das absoluter Mist wäre, weil die Raststätte sehr klein war, nahm er uns doch noch weiter mit. Er musste nun wohl am nächsten Tag irgendwas in Lyon erledigen, ist mit uns dann aber noch bis dahinter gefahren. Kurz vor Mitternacht hielten wir schließlich auf einem Rasthof irgendwo hinter Lyon mitten in einem Industriegebiet. Es war dort bereits merklich wärmer dort, aber in dieser stürmte es sehr, weshalb der Sprinterfahrer uns anbot, hinten im Wagen zu schlafen. Also breiteten wir dort unsere Isomatten aus und legten uns hin, der Fahrer schlief auf den Vordersitzen. In der Nacht schaukelte der Sprinter immer wieder im Wind.



Tag 6: Donnerstag, an dem wir unerhörtes Glück hatten
630km bis Barcelona, 33 Stunden bis der Bus fährt. 63% des Weges, 78% der Zeit.


Um acht Uhr rappelten wir uns auf, frühstückten, verabschiedeten uns vom Sprinterfahrer und fingen dann direkt damit an Leute anzusprechen, aber obwohl die Raststätte gut besucht war und wir eine Karte hatten, mit der wir den Franzosen unsere Absicht mitteilen konnten, hatten wir eineinhalb Stunden lang kein Glück. Doch dann fand Miggl einen Mann, der mit einem Citroen Jumper (welcher sich in wesentlich besserem Zustand befand als der Sprinter vom Vortag) auf dem Weg nach, wer hätte es geahnt, Nîmes befand. Er sprach auch einige Worte Englisch, so dass wir uns auf der Fahrt ganz gut unterhalten konnten. Es wurde nun um einiges wärmer, wir merkten, wie wir in Südfrankreich ankamen. Unsere Stimmung besserte sich merklich, wir hatten das Gefühl wir seien wieder im Rennen.
 400km bis Barcelona, 27 Stunden bis der Bus fährt. 76% des Weges, 82% der Zeit.
In der Raststätte gönnten wir uns ein paar überteuerte Snacks und eine kleine Pause. Als wir das Rasthaus wieder verließen schlenderten wir einmal über den Parkplatz und überlegten wen wir hier am besten ansprechen könnten. Der erste, den wir ansprachen, nahm uns direkt mit. Er war Deutscher und holte im Auftrag von Versicherungen gestohlene Autos, die irgendwo im Ausland sichergestellt wurden, nach Deutschland zurück. Er war also in einem Mercedes Geländewagen mit einem leeren Autoanhänger unterwegs und wollte ein ganzes Stück in Richtung Barcelona. Das war das Beste, was uns hätte passieren können. Wir sind also mit ihm über die Grenze und noch ein Stück landeinwärts bis kurz vor Figueres gefahren. Da in der Nähe musste er um 18 Uhr sein und er war zu dem Zeitpunkt bereits auf Reserve. Also hat er uns an einer Tankstelle vor der Autobahnauffahrt rausgelassen, was sich für uns als äußerst ungünstig erwies, weil man an den Mautstationen, die sich in Spanien unter anderem an den Auffahrten befinden, nicht trampen darf. 
150km bis Barcelona, 24 Stunden bis der Bus fährt. 91% des Weges, 84% der Zeit.
In leichtem Regen standen wir also ein paar hundert Meter voneinander entfernt, ich an der Straße, miggl an der Tankstelle, und versuchten jemanden zu finden, der entweder über die Autobahn oder über die Landstraße nach Barcelona wollte, doch alle, die hier die Landstraße oder die Autobahn verließen, wollten natürlich nicht direkt wieder drauf. Nach eineinhalb Stunden hielt endlich ein Mann mittleren Alters in einem Touran, nachdem er bereits eine Runde im Kreisverkehr gemacht hatte, um zu überlegen. Er sprach recht gut Englisch und konnte mir mitteilen, dass er zwar in Barcelona wohne, aber  auf dem Weg nach Escala in ein Apartment sei, um am nächsten Tag nach Hause zu fahren. Er könne aber auch heute Abend schon zurückfahren, müsse aber trotzdem nach Escala, um dort etwas geschäftlich zu erledigen. Wir waren so geschafft, dass es uns ganz egal war wie viele Zwischenstopps wir einlegen würden, solange wir eine sichere Mitfahrgelegenheit nach Barcelona hätten. Also sind wir nach Escala mitgefahren. Dort hat uns der Mann in sein Apartment direkt am Meer (mit Balkon und allem Drum und Dran) gelassen und ist für eine dreiviertel Stunde seinen Geschäften nachgegangen. In der Zeit haben wir Porridge gekocht und kurz zu Hause angerufen. Ja, und dann sind wir nach Barcelona gefahren, mit fast 20 Stunden Zeit übrig. Wir haben bei miggl?s Großeltern übernachtet und am nächsten Tag hat er mir die Stadt gezeigt, bis es dann Zeit war in den Bus zu steigen.